Fotografische Wirklichkeit

„Owww, das sieht ja toll aus!“ Man zeigt die Urlaubsfotos rum und alle Freunde kommentieren neidisch den Strand, die Beachboys und die Sehenswürdigkeiten. Alle kriegen einen Hauch von Ahnung, wie es wohl war… Aber keiner weiß, wie es ist, dort zu sein. Nur du, weil du die Fotos geschossen hast.

Es fiel mir schon öfter auf, aber dieses Mal besonders: Vor der Staatsoper in Hannover schoss ich mit meiner zugegebener Weise wirklich nur mittelmäßigen Handykamera ein Bild von dem Gebäude. Es faszinierte mich, ich liebe solche Gebäude. Sie sind so… ah, wunderbar! So schön, so anmaßend, sie stehen da und sagen „Hier bin ich und wer bist du, dass du einfach hineinkommst“. Ich würde fast sagen, dass ich Respekt vor solchen Gebäuden habe und nicht in meinen Gammel-Jeans da drin rumlaufen wollen würde, weil es dem Gebäude gegenüber nicht angemessen wäre. 

Hannover

Doch was zeigt dieses Foto? Irgendein Haus, total pixelig, ein paar Leute hier und da, ein bisschen Licht und es war wohl auch schon dunkel. Es zeigt nicht, wer mich im Arm hielt, es zeigt nicht, dass es noch fast warm draußen war, es zeigt nicht, dass die Leute alle redeten. Das alles sagt uns nur unsere Phantasie. 

Ein Foto vermittelt daher nur einen Teileindruck und nicht „das Ganze“, nicht die Wirklichkeit. Das kann es nicht für jemanden, der nicht da war, dabei war, als das Foto gemacht wurde. Denn das Bild riecht nicht, es macht keine Geräusche, es zeigt so wenig von so viel. Ein Bild kann die Sonne zeigen, aber nicht das Gefühl beschreiben, dass man hat, wenn die Haut von Sonnenstahlen erwärmt wird, sie verbrennt oder zu schwitzen beginnt. 

Auch Nahaufnahmen von Menschen sind nur eine Teilaufnahme. Oft kann man zwar an Gesichtern eine Emotion ablesen, aber nicht, was gerade passiert: Ob der erste schwarze Präsident gewählt wird, die letzten Schüsse beim entscheidenden Elf-Meter-Schießen fallen oder Romeo in Julia’s Armen verreckt. Man war nicht dabei, man weiß nicht genau, was da los war, ob das Foto gestellt war, der Fotografierte unbeobachtet war, was kurz vorher oder nachher passiert. (Von Photoshop möchte ich an dieser Stelle nicht anfangen: Ja, liebe Männer, die Mädels auf den Covers sehen wirklich so aus.) 

Wir haben die Möglichkeit –und wir nutzen sie auch– von überall her in Windeseile alles was wir sehen und was gerade passierte per Foto festzuhalten, online zu posten oder später ausgedruckt rumzuzeigen.

Doch ein Bild kann kein Erlebnis ersetzen.
Denn Erlebnisse sind zum Erleben da.

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