Was ich werden will

„Naja, 23 ist ja auch schon so ein Alter… da haben andere schon… „

„Jaja, ich weiß. Mit 23 haben andere schon einen Entzug hinter sich, ein Kind in diese grausame Welt gesetzt oder leben wenigstens auf der Straße. „, beende ich den Satz, drehe mich auf dem Absatz um und gehe. Weil ich keinen Bock mehr habe auf schwachsinnige Gespräche, mit Menschen, die immer wussten, was sie wollten. Die alles immer richtig gemacht haben, die wissen, wo der Hase lang läuft, die alles wissen.
Alles, was ich nicht weiß.

Mit 9 wollte ich Mode-Designerin werden, weil ich für meine Barbie-Puppen immer so tolle Kleider gebastelt habe. Dann wollte ich Tierärztin werden, weil ich so ein tolles Vorbild hatte und die OPs so gut fand. Mein Englisch-LK-Lehrer meinte, ich solle Bundeskanzlerin werden – aber mal ehrlich: die Krise hätte ich auch nicht verhindern können. Ich hätte ewig in der Schule bleiben können, da war immer was los, immer erzählten die Lehrer einem was neues. War doch super! Was für eine glückliche Zeit. Aber es kann ja nicht ewig so weitergehen.

So wie ungefähr jedes 16jährige Gör aus Düsseldorf, hielt ich mich für überdurchschnittlich kreativ. Was also tun? Werbung. Werbung fand ich schon immer gut. Also Werbung dann. So mit so kaufmännischem Gedöns. Joa, gut wars. Aber vielleicht doch nicht meins. Obwohl es mich insgesamt schon glücklich machte. Darum erzählte ich den Spinnern Vögeln grrrr! Prüfern von der IHK, dass ich das mit der Werbung wohl lieber sein lasse und ins Radio gehe… oder so. Ich bin nicht ins Radio gegangen… oder so. Ich hatte das unverschämte Glück, dass mich eine große Werbeagentur in Hamburg für ein 6 monatiges Praktikum antanzen lies. Und ich mag es. Es ist anders als in der ersten Agentur, aber es ist ganz cool. Großartig. Für 6 Monate aber nur. Denn studieren wollte ich ja auch noch. Es kann nicht einfach alles so bleiben wie es ist. Denn das reicht mir nicht.

In 3 Tagen ist die Bewerbungsfrist für die Winterstudiengänge vorbei. Bisher haben meine Unterlagen den Weg nach Köln, Hamburg, Siegen (jaha, lieber verlieren als nach Siegen), Stuttgart und Münster geschafft. Und jetzt gerade bewerbe ich mich weiter.

Auf die Frage, was ich denn studieren möchte, weiß ich nicht, was ich sagen soll und witze dann „Irgendwas mit Medien.. ha ha ha!“ rum. Und schiebe dann „Medien- oder Kommunikationswissenschaften“ hinterher. Wofür? Keine Ahnung.

Ganz ehrlich: ich habe keinen blassen Schimmer. Klar ist dieses Agenturkinddasein geil, es ist super. Ja, sogar Praktikantin sein ist echt witzig. Aber auf ewig diesen Beruf? Zusätzlich zu meinen eigenen Zweifeln kommen in regelmäßigen Abständen andere zu mir, die mich fragen, warum ich in der völlig falschen Abteilung arbeite.

Ich dachte immer, dass das alles einfacher wäre: Man geht die Schule, schließt erfolgreich ab, studiert, weil man ja mittlerweile weiß, was man will und was man kann, sucht einen Job und fertig.

Am Liebsten würde ich jetzt noch mal ein Jahr in die USA, auf Kids aufpassen und nen bisschen rumfeiern. Wird aber nichts, weil ich mein USA Jahr schon hatte. So ein Selbstfindungsjahr wäre vielleicht ganz gut, aber warum sollte es mehr bringen als die letzten 23 Jahre „Selbstfindung“?

Jura nein, Medizin nein, Garten- und Landschaftsarchitektur lieber nicht, Lehramt fällt wohl auch eher aus, Sprachen und Mathe eh, für irgendwas mit Politik oder Wissenschaft mangelt es mir an Interesse. Und für Modezeug habe ich auch kein Händchen.

Mit 9 wollte ich Designerin werden,

mit 11 Tierärztin.

Mit 16 Werbeschnittchen und jetzt will ich nur eins werden, wenn ich groß bin:

glücklich.

So wie jetzt. Aber es kann ja nicht alles so bleiben wie es ist. Denn da ist bestimmt immer noch irgendwas mehr, was weiter bereichert, weiter freut, weiterbringt. Weiter, immer weiter… Und wenn es diese Tür nicht ist, dann bestimmt die nächste.

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0 Gedanken zu „Was ich werden will

  1. wenn selbstfindung was bringen soll, bringt sie nix. der mensch erfindet sich sowieso alle paar jahre neu. und wer dann keinen mut hat sich zu verändern, wird auf ewig frustriert sein. also: immer schön eins nach dem anderen. am ende fügt sich eh alles zusammen und plötzlich erkennst du den sinn. ♥

  2. es ist immer eine Frage „Was werden?“und es gibt zahlreiche Teste und in der Schule gibt es ein Fach was dich darauf vorbereiten soll (AL). Aber mal ehrlich, wenn ich in die Schule gehe denke ich nur selten daran was kommt danach! Der Lehrer sagt und erzählt wie wichtig das ist zu wissen was man will, oder zumindest einen Start Beruf sollte man sich suchen, aber gedacht wird“hmm noch 45 min.“ und dann ist was anders dran. Bis der Abschluss da ist. Oh Mist was soll ich nach der 10 machen hmm ja FOS oder ABI. Und dann nach zwei bzw. drei Jahren später stellt man sich die gleiche Frage. Es gibt nur ganz selten den Beruf und genau das will ich machen. Man kann sich dem Annähern. Was man im Leben wirklich macht kommt erst mit der Zeit in der man Arbeitet oder Jobt. Und wenn man raus gefunden hat was man nicht machen will ist das auch schon gut.

  3. Vielleicht Schriftstellerin? Klingt „suboptimal“, könnte ich mir aber gut vorstellen. Oder wenigstens Kurzgeschichten-Schreiberin oder Essayistin oder so. Anyway: Good luck.

    hsr, der keinen vernünftigen Abschluss hat und trotzdem irgendwie durchkommt.

  4. Ach, wieso sollten Sie sich denn jetzt schon darüber Gedanken machen, was passiert, wenn Ihnen die Agentur nicht mehr gefällt? Machen Sie es doch einfach so wie alle anderen in Agenturen, EDV-Beratungen, Softwarehäusern und Möbeldesignfirmen: Wechseln Sie, wenns Ihnen nicht mehr gefällt. Bleiben Sie, wenns gut ist.

    Diese ganze Karriereplanung ist doch eh scheiße. Ich will in zehn Jahren im Vorstand bei Siemens sitzen? Und was, wenn ich alles richtig mache, sogar den richtigen Leuten in den richtigen Besprechungen beipflichte, und am Ende einfach nur das Pech habe, daß der Posten lieber aus einer anderen Abteilung, Firma, sonstwas besetzt werden soll? Dann fühlt man sich als Verlierer.

    Wenn man aber einfach nur vor sich hinarbeitet, dabei Schritt für Schritt mehr Verantwortung bekommt, Spezialgebiete erkennt und bearbeitet, die einem Spaß machen, und so nicht nur erfolgreich wird, sondern auch genau die Aufgabe bekommt, die einem Spaß macht? Dann fühlt man sich toll.

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