Happy-Pills und das Prinzip der Marktwirtschaft

Neulich auf einer Party, lernte ich jemanden kennen. Passiert manchmal auf Partys. Er war echt nen netter Kerl, gerade in seine eigene Bude gezogen, weil kurz zuvor sein Opa gestorben ist, um den er sich bis zuletzt gekümmert hat. Wir quatschen über dies und das, die Obama-Kampagne und wie alle dem „Yes, we xyz“ hinterherliefen, über Frauen, die nicht auf Absatzschuhen laufen können und über Sex mit dem Ex. Hier und da ein Bierchen, passt doch. Doch dann irgendwann griff er in seine Tasche und holte kleine Pillchen raus… und verschlug mir die Sprache.

„Was ist das?“, fragte ich. Denn die Dinger waren nicht einfach lila und hatten einen Smilie aufgedruckt. Sie waren abgepackt und bedruckt.

„Antidepressiva“, antwortete er und grinste. „Willste?“

Ich lachte. „Nein, nein, ein neues Bier sollte reichen.“

Er packe sie wieder weg.
Komisch.
Hä? Versteh ich nicht.

„Sind das deine?“

„Nö“, lächelte er, zog an seiner Zigarette. „Die sind von meinem Oppa.“ Er pustet den Rauch raus, guckt auf den Boden und sieht mich dann an. „Der hat das Zeug massenweise verschrieben bekommen. Und Schmerzmittel. Ganz schön krasser Scheiß!“

Aha.
Hm.
Tz.
Wat? 

„Und, was genau machst du dann damit?“

„Ich verkauf sie.“

Feli, lauf. Komm, der Typ ist durch. Dreh dich auf dem Absatz um, such deine Freunde zusammen, täusch einen Herzinfarkt vor, aber sieh zu, dass du hier wegkommst.
Nein, Feli. Bleib. Dazu muss Stellung bezogen werden.

Verständnislos schaute ich ihn an.

Genug meiner Freunde litten an Depressionen und hatten schon vor ihrem 20. Lebensjahr die verschiedensten Medikamente und Therapeuten hinter sich. Davon ab ist ein Familienmitglied Mediziner und der so freundlich und hat mich damals mal kurz über diese kleinen Happy-Pills aufklärt, über ihre Nebenwirkungen, und was es mit dem Körper macht. Live mit ansehen konnte ich, was passiert, wenn man Antidepressiva ohne Absprache mit dem Arzt absetzt und was passiert, wenn die Krankheit unterschätzt wird und man das Leben mehr fürchtet als den Tod. Und zweites wählt.

Und jetzt steht dieser Typ vor und lässt seine BWLer-Kenntnisse raushängen:

„Weißte, ist doch kein Thema. Ich nehm‘ das ja nicht selber.“

Ich schaue ihn schweigend an. Aber nicht freundlich leise oder gar interessiert, eher so… angepisst still.

„Weißt du“, klugscheißert er los. „Das ist eine Sache von Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage ist groß. Und ich hab das Angebot. Und damit lässt sich ne Menge Geld machen… und wenn man Leute kennt, die’s haben wollen… Ist doch ein super Tauschgeschäft.“

Für mich ist es keine Sache von Angebot und Nachfrage, für mich ist es eine Sache von Verantwortungslosigkeit und Dummheit. Und so jemand studiert… tz.

„Naja“, werfe ich ein. „Mit Heroin lässt sich auch ne Menge Geld verdienen.“

„Ja, aber mein Großvater hatte eben kein Heroin in seinem Nachschränkchen.“

Maximales Ausrasten wäre angebracht, aber reiße mich zusammen. Wie ich bin, werfe ich kurz meine moralischen Bedenken zu dieser Geschäftsidee ein.

Vor mir steht jemand in TH-Polo, RL-Jeans und Armani Uhr. Er hat keine Geldsorgen. Und darum geht es ihm nicht, aber es wäre doch wirklich schade, wenn man das Zeug wegwerfen würde.

Es sind verschreibungspflichtige Medikamente, kein Teebaumöl, keine Aspirin. Das sage ich ihm auch. Und, dass ich ihn für ein Arschloch halte.

„Jaja, das dachte ich mir.“, sagt er. Gar nicht klugscheißisch, sondern fast einsichtig. „Und ich finde es auch richtig, dass du es nicht gut findest.“ Ändern tut das an der Sache aber auch nichts.

Verkauf Gras oder handele mit Dublo-Stickern, aber Amitriptylin und Co. finde ich nicht mehr lustig.

Viel zu krass für mich, weil er sonst wirklich nett war. Vielleicht hat er selbst schon zu viel von dem Zeug gefressen, wer weiß?
Schade um ihn.
Und schade um seinen Opa, der sich sicherlich im Grab umdrehen würde, wenn er wüsste, was der Kleine dort veranstaltet und das Prinzip der Marktwirtschaft vor das Prinzip der Fürsorge um Freunde stellt.

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