Neidisch auf einen Clown

Es war Sonntag und das Wetter war so naja. Trotzdem zog es mich in den Berliner Mauerpark, weil dort immer so tolle Bands und Künstler sind, die für ein Euro-Taler die Masse erheitern.

Ich kam ein bisschen zu spät, das macht aber nie etwas, weil sich alle kreuz und quer dazusetzen.

Dieses Mal war ein Clown an der Stelle, an der später immer die Karaokeshow stattfindet.

Eine kreisförmige Bühne, wenn man so möchte, davor eine halbkreisförmige Steintreppe, auf deren Stufe das Publikum sitzt.

Er fängt an, macht ein paar Witzchen, jongliert mit Feuer, führt akrobatische Stücke vor, holt ein Kind aus der Menge mit auf die Bühne. Die Zuschauer sitzen davor, applaudieren, lachen, freuen sich. Für eine halbe Stunde vergessen alle ihre Sorgen, Probleme und die nasse Wäsche, die Zuhause noch aufgehängt werden muss. Man vergisst, dass sich zum Wochenende auch der blaue Himmel verabschiedet hat, dass es für einen Sommer recht frisch ist, dass man sich den neuen Pin Code nicht merken kann und man mal wieder Mutti anrufen muss.

Er kommt aus Neuseeland, reist so rum, lebt von seiner Bühnenshow. Das erzählt er, als er später nach ein bisschen Münzgeld fragt.

Künstler wie er hauen mich aus den Latschen. Er schafft es von seiner Kunst zu leben. Er macht, was er liebt. Darum ist er auch so gut darin.

Ich erfreue mich an der Show und bin auch beim in den Hut werfen nicht sparsam – HE MADE MY DAY, das ist mir gerne etwas wert. Und selbst heute, eine Woche später spreche ich noch von ihm.

Natürlich wird der Clown die Welt nicht retten, nicht das Hungerproblem in Afrika lösen oder das Ozonloch stopfen. Das werden wir aber auch nicht.

Aber der Clown hat andere KPIs, glaube ich. Natürlich kann man nicht von Luft und Liebe leben, aber dieser Künstler liebt es Leute zum Lachen zu bringen, sie zu erfreuen, sie zu unterhalten und ihnen kurz die Sorgen des Alltags zu nehmen.

Es ist kein böser Neid, es ist mehr Bewunderung, die ich dem Clown entgegen bringe. Natürlich kenne ich ihn nicht. Vielleicht ist er charakterlich ein Mülleimer, glaube ich aber nicht. Dass er macht, was er macht, finde ich unendlich gut. Und mutig. Und bewundernswert. Und ich wünschte, ich wäre auch ein bisschen mehr so.

(aus: Drafts, vergessen zu veröffentlichen, Sommer 2016. Und: Immer noch aktuell.)

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