Kurz davor

“Mach dich nicht verrückt”, sagen sie. “Das wird nahezu ein Spaziergang… Deine mündlichen Noten waren doch auch immer klasse. Das wird!” Ja. Bestimmt. Ihr habt es auch schon hinter euch. Angeblich haben sich alle auch vorher zu tode gesorgt und am Ende… tz, piece of cake.

Morgen ist es soweit: die mündliche Prüfung steht an. Dann ist es vorbei. Die Ausbildung, das Ausbildungsgehalt, der günstigere Azubi-Tarif bei der Rheinbahn, ja, eine Ära findet ihr Ende.

Und das Ende ist auch eigentlich schon geschrieben. Wir haben festgestellt, dass es so ziemlich keinen Unterschied macht, ob ich morgen eine 1 oder eine 4 abhole. Trotzdem ist mir etwas komisch.

Sonntagmorgen wurde ich wach. Ich hatte am Abend vorher eine einzige kleine Weinschorle getrunken (ich war kellnern, nur zur Erklärung) und wusste daher, dass dieses Gefühl der Übelkeit nicht die gleiche Ursache hatte wie an anderen Wochenenden. Neben meinem Bett hängt eine Marketingdefinition, die, das hat man mir im ersten Lehrjahr gesagt, man lieber auswendig lernen sollte. Ich kann sie nicht. Ständig lese ich sie durch, aber sie ist so schwierig zu merken. Mir ist schlecht. Ich denke, ich muss mich übergeben. Ich taumel durch mein Zimmer und suche die “Bibel”. Nicht DIE Bibel, die Marketing-Bibel. 80 Seiten stark und mit allem, was wir in den zweieinhalb Jahren durchgekaut haben. Keine Ahnung, wer die Nerven hatte, das alles zusammenzufassen und abzutippen, jedenfalls hat sie mir mal jemand geschickt. Ich blätter sie durch, während ich wieder im Bett liege. Es geht mir schlechter. Darum werfe ich die Seiten auf den Boden, stell meinen Wecker auf 12 Uhr und schlafe noch eine Runde.

Den Tag hatte ich durchgeplant, sogar lernen wollte ich. Ging aber nicht. Weil jemand anderes was von mir brauchte und ich mich nach anderen richte – ich Idiotin. Dann, Sonntagnacht, nachdem ich eins dieser “Feli, das wird gut. Ich habe doch auch 92 Punkte (!!!!!!!!) geholt”-Gespräche hatte, schlief ich ein. Und es ist kein Scherz: Ich träumte ich wäre komplett durch die Prüfung gerasselt. Es ging drunter und drüber, völlige Katastrophe.

Morgen ist es jetzt dann soweit. Und ich werde schlicht weg verrückt. Aber das wurde ich auch damals bei der Schulaufführung, als ich die Hauptrolle hatte. Als wir dieses Stück, das im Irrenhaus spielte, aufführten. Nervös war ich auch vor meiner Führerscheinprüfung, vor meiner mündlichen Abi-Prüfung bei Herrn Lechner, der einen Sinn für Goethe, aber leider nicht für Humor hatte. Nervös war ich auch bei der Abi-Ballrede und bei meinem ersten Arbeitstag. Und immer, immer ist es gut gegangen. Es scheint normal zu sein, dass man sich Sorgen macht, aber kann das denn nicht irgendwann aufhören?

Ich kriege die Krise. Ich habe schwimmen gegen Pizza getauscht und bin durch den Regen nach Hause gelaufen. Ich habe die Schaufenster in meinem kleinen häßlichen Eller nicht beachtet – außer das vom Schuhladen, weil ich dringend neue brauche. 

Und morgen werde ich da raus gehen und lachen, überlegen diesen Eintrag zu löschen, weil es lächerlich war, sich solche Gedanken zu machen. Mich freuen, dass es so einfach war und mich glücklich schätzen, dass man mich genau das gefragt hat, was ich wusste. — Oder auch nicht.

Was, wenn es ein Spaziergang wird und ich mich verlaufe?

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