Nicht Blau

Ich musste plötzlich vorne zahlen und den Studentenausweis vorlegen. Kein Problem.

Es ist komisch, es ist anders, sich in dieser kleinen, dunklen Kabine umzuziehen.  Ab unter die Dusche. Sammeldusche. Das kenne ich garnicht mehr. Wie ich es gewohnt bin, greife ich nach links zu dem Shampoo- und Duschgelspender, um mein Make-up aus dem Gesicht zu wischen. Keiner da. Dafür ist da eine Frau, die mir einen Schluck ihrer Waschlotion gibt.

Und jetzt los: auf ins kühle Nass! Ich freue mich schon auf den Kälteschock, ja, mir ist gerade nach frieren. Yes yes yes!

Die Bahnen sind so naja voll, aber ich habe schon einen Teil der “Schwimmer” gefressen, weil sie so arrogant langsam schwimmen und anderen den Weg versperren, obwohl auf der rechten Seite noch Platz wäre.

Unsportliches Verhalten — 10 Minuten auf die Strafbank. Ohne Handtuch!!!

Mein Haargummi liegt zu Hause und dort liegt es gut. Irgendwie quetsche ich meine Haare unter meine hässliche Badekappe, als ich vor der Bahn stehe und im Wechsel den linken und den rechten Fuß ins Wasser tauche. Kalt ist anders.

Ey, Feli, jetzt mach dir nicht wieder alles kaputt. Nun sei nicht so verdammt negativ. Du hast Wasser und die paar Leuten sollten dich nicht stören. Es sind Menschen wie du, also lass sie und zieh einfach gleich deine scheiß Bahnen. Und gib endliche Ruhe.

Meine innere Stimme reißt mich am Riemen.

Jetzt setze ich mich an den Rand, das Wasser ist aber nun mal nicht kalt, sondern fast pisswarm, bätsch, maule ich meine Stimme an, während ich mir die Brille aufsetze. Dann mache ich mich auf auf das Abenteuer.

Bahn 1: Es läuft wie am Schnürchen, face it, ich bin die Königin des Wassers.

Bahn 3: Ich sollte die nächsten 7 Monate weniger rauchen als die vergangenen 7. Und der Typ vor mir sollte lieber langsam das Weite suchen…

Bahn 6: Meine persönliche Vorgabe, 40 Bahnen zu schwimmen, scheint absolut utopisch. Wenn ich nach 20 noch lebe, feiere ich meinen 2. Geburtstag. Trotzdem jetzt Konzentration, denn gerade nun kommt es auf den Schwimmstil an.

Zwischendurch nerven mich die Leute, die das 4-Bahnen-System nicht verstehen. Das sind wohl die Menschen, die mit ihrem klapprigen, kleinen Aschenbecher auf der linken Spur mit 80 km/h die Unfälle auf der Gegenüberseite anglotzen. Grrrr…

Plötzlich wende ich und mache mich auf den Weg zur 21. Bahn.

Nach 40 Bahnen höre ich auf und fühle… nichts. Für gewöhnlich setze ich mich an den Rand und lasse noch ein paar Momente vergehen, schaue mir die anderen Schwimmer an und gehe erst, wenn ich zu frieren beginne. Heute nicht. Und die 40 Bahnen gaben mir auch nicht das blaue Gefühl.

Der fette, alte Mann, der ständig im Weg rumschimmelte, glotzt mich an und ich wünsche mir kurz, ich hätte Mut genug, aufzustehen, Anlauf zunehmen und ihm mit aller Kraft ins Kreuz zu springen. Habe ich aber nicht, also den Mut.

Irgendwo klettert eine erwachsene Frau über die Bahnenabsperrung. Weiß die eigentlich, was diese blöden Leinen kosten??? Bei den Freien Schwimmern und beim DLRG würde das Anschiss deluxe bedeuten… Dämliche Frau.

Lieber gehen, Feli. Denk an deinen Blutdruck.

Duschen. Sammeldusche. Hätte ich ja fast vergessen. So wie ja auch meine Duschsachen, aber das hatten wir ja schon. Also diesmal Shampoo schnorren. So schnell wie bei diesem Mal habe ich echt noch nie geduscht –und ich liebe duschen– aber der Anblick dieser Frauen und ihr sinnloses Geschwätz konnte ich nicht länger als irgendwie notwendig ertragen. Ich ziehe mich an, wieder in der kleinen, dunklen Kabine.

SchwimmereiPlötzlich fällt meine Holmes Place Towelcard aus meiner Tasche. Einen Moment lang schaue ich sie an und muss dann einmal tief schnaufen.

Zu den Trocknern. Es gibt hier keinen Föhn, sondern diese Luftmaschinen, die an einen Händetrockner erinnern. Der Spiegel ist schlecht beleuchtet, aber wozu noch schminken?

Kleine, dicke Kinder laufen umher und werfen meine Tasche auf den Boden. Handy, Timer und Uhr fallen raus und schlagen auf dem Fliesenboden auf und nicht mal die Mutter dieser Satansbraten hält es für angemessen, sich zu entschuldigen.

Ich packe meine Sachen zusammen und verlasse mit halbnassen Haaren das Schwimmbad.

Bei Holmes Place wäre das nicht passiert. Das ALLES!

Ich denke an die Zeit von Towel Service, vollen Duschgel- und Shampoospendern in den Einzelduschkabinen, an das kalte Wasser im Pool, der zwar auch relativ gut besucht war, aber meistens sehr erträglich. Ich denke an das schöne Ambiente, an die freundlichen Mitarbeiter und an das Kopfschütteln der Leute, wenn ich ihnen erzählte, dass ich nur zum Schwimmen dahin gehe. Niemand hat es je verstanden.

Draußen nieselt es und ich denke an die wunderbare Tiefgarage, zu der ich damals Zugang hatte.

Und am Ende kochen schwimmen sie auch nur in Wasser, denke ich mir und steige ins Auto, verdränge die Gedanken und glaube, dass es eben manchmal so sein muss. Und so geht es weiter, auf meiner Fahrt ins Blaue…

3 Comments Add yours

  1. Markus says:

    Wenn du weiter und immer weiter so schreibst und vielleicht noch einen klitzkleinen roten Faden einfügst wird das ein Buch und du eine Autorin. Ich will sowas lesen. Huch! Ich muss austeigen! So schnell war ich noch nie da. Danke!

    Like

  2. Linea says:

    Ich bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen..seit dem gucke ich fast täglich was es wieder Neues gibt in Felis Leben 🙂
    Ich finden deinen Schreibstil so klasse..Schließe mich Markus an…sag Bescheid wenn das Buch fertig ist-ich kauf es sofort.LG

    Like

  3. felisworld says:

    : ) vielen Dank für die Blumen!

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s