Busfahren im Kopf

Es ist Donnerstag. Seit… gefühlt schon immer… schneit es. Januar, Spätwinter, Frühfrühling — My Ass. In Siegen herrscht ein Bilderbuchwinter, doch der “Traum in Weiß” ist für mich längst schon “Der Albtraum in Echt.”

Der Bus kommt, überraschend bei den Wetterverhältnissen, verhältnismäßig pünktlich. Dagegen ist er noch voller als sonst. Definieren wir mal kurz “voll”. Wenn Du morgens in der Bahn stehen musst, weil dir der Typ den letzten Sitzplatz weggenommen hat, findest du das voll. Denn es war ja kein Sitzplatz mehr da. Wenn man hier in Siegen von voll spricht, sieht das ungefähr so aus:

Der Bus fährt irgendwo los und meinen Berg, Mount Wohnheim, runter, hält hier und da und sammelt fleißige Studenten ein. Dann fährt er noch kurz durch den Ort unten und kämpft sich dann den Berg hoch zur Uni.

An einem Tag wie diesem ist der Bus schon ‘gefüllter’, wenn er mein Wohnheim erreicht. Mit ‘gefüllter’ meine ich, dass alle Sitzplätze längst belegt und von anderen Popos aufgewärmt werden, und einige Mehrere schon stehen. Wenn der Bus, der einmal stündlich fährt, dann vor das Wohnheim kommt, in dem über den Daumen geschossen ca. 240 Studenten wohnen, gibt es keinen Kampf um einen Sitzplatz, nein, man möchte einfach nur dabei sein. Man drückt und quetscht, schiebt und biegt die Leute vor sich ohne Rücksicht auf irgendwelche Verluste in diesen Bus rein. Die letzten hängen immer halb draußen und werden mit den Türen noch reingematscht.

So fährt der Bus dann los, den Berg runter. Und man fragt sich ernsthaft, warum der Busfahrer überhaupt noch an den Haltestellen vor der Uni hält, denn hier passt niemand mehr rein. Außerdem wird es langsam warm. Man beginnt zu überlegen, wie man Tasche, Schal, Mantel, Pulli, Long-Sleeve und vielleicht das 2. Paar Socken irgendwie los wird, um nicht an Überschwitzung zu Grunde zu gehen. Weiter als “Reisverschluss auf” geht man dann aber doch nicht.

Der Bus hat also nun überall gehalten und es konnte zum Verrecken eben keiner mehr mit. Manchmal ist das im Leben so. Auch vorne stehen die Menschen bis zur Tür, sodass der Busfahrer fast zum Serientäter wird, da er die Gruppe Senioren, die von der Seite kommen nicht sehen kann und fast überfährt. Er bremst schlagartig, aber uns passiert nichts, denn wir haften wie Kaugummi aneinander.

Nun der Berg, hoch zur Uni. Hier lässt der Busfahrer endlich ein paar Stationen aus und fährt durch. Wer hätte das erwartet?

“Doch heute ist sowieso wieder alles anders, als man denkt…”, denke ich mir. Vor meinem Augen spielt sich folgendes Szenario einfach so mal ab: Auf den verschneiten, glatten Straßen, den Abhang hoch, gibt der Bus lautstark alles, aber kann sich doch irgendwann nicht mehr gegen die Schwerkraft, Mutternatur und sein Schicksal durchsetzen.

Erst langsam, dann immer schneller rollen wir rückwärts. Die kleine Japanerin neben mir sucht aufgebracht nach ihrem Handy, dass sie in einem Hello-Kitty-Socken versteckt in ihrer Jackentasche hält und auch die anderen Fahrgäste werden nervös, panisch, sagen wir mal, sie haben Todesangst. Der Bus rollt immer schneller und im Spiegel vorne kann ich erkennen, dass der übergewichtige Busfahrer in seinem hellblauen Strickpulli mit Schneemann drauf, stark schwitzt und seine Augen verzweifelt von links und rechts und zurück schießen. Derweilen beginnen die ersten Mädchen zu weinen, die Jungs klopfen schreiend gegen die Fensterscheiben — beide Geschlechter und beide kreativen und zugleich scharf durchdachten Methoden schaffen es nicht den Bus anzuhalten.

Ich greife zu meinem Handy, denn ich würde jetzt gerne in meinen Facebook-Status schreiben “Ich wusste, dass es eines Tages passieren würde”, während ich mich heimlich ärgere, dass ich meine Beine nicht noch einmal spiegelglatt rasiert habe. Denn ohne danach gefragt zu werden, wurde ich von Arztserien wie “Grey’s Anatomy” darauf gepolt, auf heiße Männer in weißen Kitteln zu hoffen, wenn mir mal was passiert. Mich rettet der Gedanke, dass McDreamy & Team auf einem anderen Kontinent zu tun haben und selbst wenn sie in Deutschland wären, den Weg nach Siegen hätte ich ihnen nicht abverlangt.

Auch die Idee mit dem Facebook-Update muss ich verwerfen — meine neue SIM-Karte wurde heute früh anscheinend freigeschalten, meine alte befindet sich in meinem Handy.

Das ist dann wohl Pech. Und das gerade jetzt.

Ich rechne nun auch mit dem Schlimmsten und versuche mich zwischen gegen die Fensterscheibe trommeln und heulen zu entscheiden. Was tun?

Zum Glück muss ich das heute nicht entscheiden, denn wir sind den Berg heile hochgekommen und mein nächstes Problem ist die Frühstücksauswahl in der Cafeteria. Im Kopf gehe ich durch, was da alles liegen wird, aber es wird doch wieder alles anders sein, als man denkt.
An diesem Donnerstag in Siegen.

6 Comments Add yours

  1. horstkevin says:

    Busfahren in Siegen ist einfach ein Erlebnis.

    Und wenn einem ein alter Mann wieder mal erzählt, wie er damals 15 km zur Schule laufen musste, kann man getrost erwidern: Guter Mann, dafür musste ich mich ständig mit 300 Menschen in einen mobilen Sarg quetschen und im Winter um mein Leben bangen.

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  2. Hannah says:

    😀 Ich hab auch immer totale Angst, dass der doofe Bus rückwärts rollt, durch die Leitplanke rast und die Studenten über ganz Siegen ausspuckt >.<

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  3. felisworld says:

    @ beide
    Ja, es ist wirklich das, wovor man seit dem ersten Tag hier gewarnt wurde:
    “Ihr lernt euer Leben zu schätzen, wenn ihr einen Winter in Siegen überlebt hab!”
    Und man denkt, die anderen übertreiben maßlos. Bis man selbst dieses Gefühl kennenlernt! : )
    Hals- und Beinbruch, wir stehen das hier durch!

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  4. Hannah says:

    @.@ Das denk ich mir jetzt seit 5 Semestern, dass ichs durchstehe, aber mit jedem Tag vermiss ich Düsseldorf, Zuhause und schneefreie Winter mehr >.<

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  5. felisworld says:

    @Hannah
    Das wird schon! : )
    Und nach den Klausuren gehts doch wieder ab in die Heimat! : ) Wäre wir da, wäre das Gras auch nicht mehr so grün. Wobei… grüner als hier bestimmt! ; ) Machen wir das Beste daraus!

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  6. horstkevin says:

    Wie schön, dass sich die Busbetriebe so spontan zum Winterstreik eintschlossen hatten. Sämtliche Taxibetriebe haben sich über den Zulauf heute gefreut. Die Studenten waren weniger begeistert.

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