Ort: Heimat

Ich wache auf. Links von mir finde ich an die Wand geheftet ein Druckbild, das ich damals in den USA im Kunstunterricht angefertigt habe, rechts von mir eine Marketing-Definition, die wir zum Ende unserer Ausbildung auswendig lernen sollten. An der Decke hängt mein pinker Kronleuchter.
Die Wände sind hier bunt. Überall Kollagen, Fotos oder ausgerissene Werbung, zum Beispiel welche von Marc Jacobs, Paul Smith und Banana Republic.
Gestern kam ich nach Monaten mal wieder zurück, heute liegen schon wieder Unmengen von Klamotten auf dem Boden.

Wie lange gibt es dieses Zimmer schon?

Ich denke an den Abend, an dem ich hier so bitterlich geweint habe. Damals war ich 15 oder 16 und mein Freund hatte mich abgeschossen. Ich denke an die Tage, die ich hier mit Lernen verbracht habe, für Arbeiten, Klausuren, das Abitur, die Abschlussprüfung der Ausbildung. An diese Tage kann ich mich gut erinnern — es waren nicht besonders viele.

Auf meinem Schränkchen sind 2 große Zeitschriftenstapel. Fast ausschließlich die Vogue. Aus Spanien, Frankreich, Italien, den USA, Südafrika und natürlich Deutschland. Die Vogue zählt nach wie vor zu meinen Lieblingsbilderbüchern. Besonders die Weihnachtenausgaben, weil sie so voll gestopft mit Werbung sind!
Und die Werbung kann man dann mögen oder nicht mögen, sich daran erfreuen oder auch nicht. Oder man kann sie rausreißen und ein bisschen daran rumbasteln und fertig.

An den Wänden hängen sonst noch Strafzettelchen und Fotos. Ein paar aus Zeiten der Unter-, Mittel- und Oberstufe, aus den USA, von Urlauben, von Freunden und meiner Familie, von Tagen und Nächten. Irgendwie habe ich alles, was mit mir passierte, an meinen Wänden festgehalten. Hier und da noch eine Grußkarte oder ein nettes Zitat.

Vielleicht sollte ich hier mal was ändern. Ich gehe nicht mehr in die Schule und ich bin auch nicht mehr in der Ausbildung. In meinem Siegener Zimmer sind die Wände blass, nur das allgemeine Chaos lässt darauf schließen, wem die Bude wohl gehört.

Manches ändert sich wohl nie. Mein Sinn für (Un-)Ordnung vielleicht. Anderes ändert sich schon. Seitdem ich 2009 nach Hamburg gezogen bin, habe ich nichts mehr an die Wände gehangen, keine Anzeige, kein Foto, nichts. Alles, was ich erlebt und festgehalten habe, findet sich hauptsächlich auf meinem iPhone, auf Facebook und meinem Posterousaccount wieder. Fotos werden nicht ausgedruckt, aber manchmal nehme ich in einer ruhigen Minute das iPhone in die Hand und schaue die Bilder an, was passiert ist, wie die Zeit dokumentiert wurde und verging.

Nein, ich werde hier nichts ändern. Mein Leben soll weiter hier an den Wänden hängen. Auch wenn ich nicht mehr hier wohne, wohnt noch ein Teil hier. Und auch, wenn ich jetzt älter bin und Dinge anders sehe und mache als vor Jahren, steckt doch ein ganz schön großes Stück Wahrheit über mich in diesen vier Wänden.

Jaja, mein Zuhause. Wobei… Das hier ist mehr. “Zuhause” fühlen kann ich mich auch woanders. In Hamburg, in Siegen und in den USA bald bestimmt auch wieder. Aber eine Heimat gibt es doch nur ein mal. Und ich weiß nicht nur wo das ist, sondern auch, was das heißt.

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