Drunter und drüber

Ich muss in seiner Wohnung jetzt mal draußen rauchen, weil innen alles abgeklebt ist. Wegen Fassadenarbeiten.
Kein Problem, hier sitze ich gerne draußen und von hier oben kann man alles so schön überblicken.

Ich setze mich auf die kleine Gittertreppe, fummele eine American Spirit (Yes, I’m like all American now) raus und stecke sie an.
Über mir blauer Himmel, kleine weiße Wölkchen. Obwohl er ziemlich zentral in San Francisco wohnt, ist es ruhig hier.

Um mich sind die Rückseiten der anderen Häuser. Wie ein kleiner kleiner Innenhof.
Ich kann sehen, dass links Regale gewischt und rechts Küchenrollen gestapelt werden. Außerdem sehe ich jede Menge Vorhänge: Menschen wollen einfach nicht gesehen werden.
Ich gerade auch nicht.
Ich ziehe an meinem Flüppchen, atme langsam aus und nehme dann einen Schluck aus meinem stiellosen Riedel Glas.
Oh wie schön ist Chardonnay.
Die Hauswände um mich herum sind ein bisschen angeranzt, unheimlich schön und gemütlich.
Ich schaue auf die Dächer gegenüber und finde zwei kleine Türmchen, vermutlich irgendwelche Heizungsdinger. Es hat sich wohl niemand die Mühe gemacht einfach irgendwelche Minitürmchen dahinzubauen, nur damit ich sie ansehen und niedlich finden kann. Nein. Trotzdem. Schön hier.

Hier herrscht Weltfrieden. Ich sorge mich um nichts. Denn es gibt hier gerade nichts zu sorgen.

Hier herrscht überhaupt kein Weltfrieden, merke ich, und denke an den Mann auf der Straße, der eben nur mit Socken an den Füßen an mir vorbeilief zu seinem Gefährten, der in einem kaputten Schlafsack im Park lag.

Ohne ihre Geschichten zu kennen, vermutet man, dass sie selbst nicht unbedingt “das Problem” sind, sondern das System, das sie durchfallen ließ. Ein System, das sie nicht absichert, wenn sie es nicht selbst tun. Job weg, Auto weg, Haus weg. Punkt. So schnell kann das hier gehen. Vom fast-Millioniär zum Tellerwäscher.

Von ein paar Tagen traf ich diesen Herren.

“SEX. Now that I have your Attention, share any $$$?”

Was für eine simple und doch gute Idee.
Ein bisschen Change rausgekramt und ein bisschen angefangen zu quatschen. Von einem Tag auf den anderen musste er aus seinem Büro raus, weil der Laden vor die Wand gefahren wurde. Kein Job mehr, kein Geld, keine Möglichkeit Raten zu bezahlen und tschüss. So ging es von oben nach unten. Und wenn man da einmal ist, ist es schwer wieder zurückzukommen.

Letzter Zug an meiner Zigarette, das “American Spirit”  Logo wird von der Glut gerade angerissen. Ich schaue durch das Küchenfenster auf die Tüten von Banana Republic und Benetton und höre seine Stimme. “Feli?” Er schaut zu mir. “Sitzt Du immer noch da?”

“Ja, es ist so schön hier oben.”, sage ich, drücke die Zigarette aus und komme erst mal wieder runter.

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