Der Hund ist tot.

Der Hund ist tot. Das ist zusammengefasst die Aussage der Mailboxnachricht von heute Mittag.

Ich setze mich auf die Bettkante in meiner Berliner Wohnung. Mein Hund, der Familienhund, also unser Hund, aber jetzt gerade mein Hund, ist gestorben. Nach 18 Jahren. Ja, richtig. 18 Jahren. Der Jack Russell aus der Supermodel Edition. So haben wir immer gescherzt, weil er viel zu lange Beine für die Rasse hatte… Im Kopf gehe ich verschiedene Momente durch, bin froh über jedes Stückchen Essen, das wir Kinder dem Hund schon mal heimlich unter den Tisch zu geworfen haben, denke daran, wie wir ihn auf das Sofa holten, obwohl wir es nicht sollten und dass er manchmal heimlich in unsere Kinderzimmer lief, was er eigentlich nicht durfte. An die große und die kleine Runde und… ach, gehört nicht hier hin.

Ich fange an zu weinen. Bitterlich. Schlimmer als ich es je gedacht hätte. Erst lasse ich es laufen, man lernt ja mit der Zeit, dass runterdrücken nichts bringt, dann versuche ich mich zu fangen. Dann klingelt das Telefon. Ein Freund, wir sind für den See verabredet. Unschwer ist an meiner Stimme zu erkennen, dass etwas nicht stimmt. Ich nenne den Grund und die Gegenseite reagiert wie jeder von uns reagiert hätte: „Oh nein, das tut mir leid… Fuck.” Leider habe ich in dem Moment nichts anderes als „Bitte spar Dir Deine gewollte Anteilnahme. Du kanntest den Hund nicht, Du kennst meine Familie nicht, Dir muss nichts leid tun. Ich fang mich jetzt und dann rufe ich Dich zurück” ein.

Aus dem sich fangen wurde nichts. Also doch, aber das hielt immer nur so drei Minuten.

Der Weg zum See braucht mit dem Fahrrad über eine Stunde. Die Zeit nutze ich, um weiterzuweinen und darüber nachzudenken, was passiert ist und mit wem ich reden kann. Weil ich Sachen versuche aus der „Entfernung” zu betrachten, ergeben sich folgende Kapitel:

1. Ich habe Recht, wenn ich sage: Du kennst meinen Hund nicht.

Mein Hund wohnte wie meine ganze Familie in NRW. NRW ist nicht Berlin, ist nicht Hamburg (wo ich zuletzt wohnte), ist zwar auch Siegen (wo ich studierte), aber weder kennt irgendjemand (außer drei Leuten) außerhalb von Düsseldorf meine Familie noch kannte irgendjemand meinen Hund. Das ist eben so, aber irgendwie ist es auch komisch. Denn alle kennen nur die Feli, die hergezogen ist. Und je nachdem wie vertraut wir sind, vielleicht ein paar aktuelle Geschichten über das, was gerade geht.

Ich denke an Menschen, die meinen Hund gut kannten. Mit den Meisten – Schulfreunde – habe ich nicht mehr viel zu tun. Aber viele kannten „mein kleines Hundetier”, weil er auf Hausparties immer am Start war oder manchmal mit an den Rhein genommen wurde. Ich könnte meinen Ex Freund (seit 13 Jahren) anrufen. Oder auch nicht. Vielleicht lieber meinen besten Freund. Den kenne ich seit der Schulzeit und der kennt auch meinen Hund. Kannte. Der kannte auch meinen Hund.

2. Was sagt man dazu?

Aber was außer „Fuck, Scheiße. Das tut mir leid” sagt man dazu? Und was soll ich dann antworten? Oder was will ich dann hören?

Der Hund war steinalt. Wir glauben, dass er etwas taub war und wirklich was gesehen hat er auch nicht mehr. Erkannt hat er uns trotzdem. Doch, er hat sich immer noch sehr gefreut, wenn einer von uns Kindern nach Hause kam. Jetzt, wo er so alt war, hat er „wenigstens” nicht mehr traurig an der Tür rumgelungert, wenn die Koffer zur Abreise dort wieder standen. Das hat einem vorher immer das Herz gebrochen.

3. Days go by

Obwohl ich die Älteste bin, bin ich als Letzte ausgezogen, da eine Wohnung vom Azubigehalt nicht drin war. Ich werde nicht auf familieninterne Details eingehen, weil es hier nichts zu suchen hat, aber ja, Freunde habe öfters gesagt, man solle über unsere Familie ein Buch schreiben. Weil so viel passierte. Unklar ist, ob es eine Komödie, ein Drama, eine Tragödie, eine Schnulze, oder am Ende ein Roman wäre. Oder jeder Teil was anderes. Ist auch egal. De facto war diese Hund immer dabei. Oft setzte ich mich auf den Boden, unschlüssig, was ich von den aktuellen Vorkommnissen halten sollte und ohne ihn zu rufen, kam mein Hund einfach angetippelt, setzte sich neben mich, drückte sein Gesicht an meinen Arm, um sich an meine Seite zu kuscheln. „Wird das wieder?” fragte ich ihn dann. Und ja, ich weiß, dass Tiere nicht sprechen können und alles, ich bin jetzt nicht emotional und damit panne, aber irgendwann fiel mir auf, dass ich schon so viele Probleme mit dem Tier geteilt habe, die sich danach immer irgendwann irgendwie gelöst haben, dass ich dann anfing zu sagen „Das wird wieder, ne? Ja, das wissen wir.”

Was sollte das Tier anderes machen als mir zuzustimmen?

Ich fange jetzt auch nicht an eintausend niedliche Geschichten von meinem Hund zu erzählen, wie z. B., dass er am Rhein mal an den Steinen schnüffeln wollte und echt lange brauchte, bis er merkte, dass das mit dem Schnüffeln doof ist, wenn die Steine im Wasser liegen.

Und ich werde jetzt auch nicht anfangen zu erzählen wie treu er war, dass er nie sauer war, sondern nur  traurig, wenn man gegangen ist, aber sich freute, wenn man zurückkam.

Es ist total schwierig diese ganze Scheiße mit irgendjemandem zu teilen. Denn niemand ohne Hund oder ohne toten Hund versteht das.

Am See ging das Geheule weiter. Da ich weder meinen Freunden den Tag versauen wollte, noch wusste, was ich sagen sollte, ging ich einfach wieder.

4. Vergänglichkeit

Menschen, Tiere, irgendwas, was Du liebst, stirbt. Das ist so. Mit Ende 20 bin ich in einem Alter, in dem Hochzeitseinladungen aber nicht Todesanzeigen die Wand schmücken. Dass ein Teil meiner Familie – ja, wenn ein Hund 18 verdammte Jahre das Zuhause teilte, egal, wer ein- oder auszog, dann ist er nun mal Teil der Familie und damit des Lebens – weggestorben ist, wirft die Frage auf, wer als nächstes kommt. Und bei dem Thema vergeht mir alles.

Der Hund ist tot. Ich fange mich langsam wieder. Menschen meide ich heute. Selbst meine Familie. Denn ich weiß nicht, was ich sagen soll. Und ich möchte vor allen Dingen auch nichts hören.

So, wie es immer war, wenn ich mit dem Hund auf dem Boden saß und nicht wusste, was ich von den aktuellen Vorkommnissen halten sollte.

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