Wenn man sich selbst alleine lässt

Ich versuche gerade zwischendurch alleine zu sein.

Darum bin ich vor ein paar Wochen alleine für 5 Tage nach Lissabon gefahren. Zum Beispiel. Zum Glück hatte ich ein dickes Buch dabei, zum Unglück fand ich es nicht besonders. Darum sprach ich schon am ersten Abend zwei Mädels an und trank mich mit ihnen durch die Bars von Bairro Alto.

Ich bin meistens nicht so gut im alleine sein. Ich teile so gerne meine Gedanken und bespreche, was mich beschäftigt, möchte andere Meinungen hören. Gemeinsam komme ich meistens weiter und häufig habe ich den Eindruck, dass andere mit mir auch weiterkommen können.

Heute* Abend war die einzige Ausstrahlung des Films „Everybody’s going to die” in deutschen Kinos im Berliner Babylon.

Kommt keiner mit? Gut. Gehe ich halt alleine hin. Kann ich ja.

Nora Tschirner, die man als Moderatorin früher bei MTV sah und zu letzt glaub ich im Weimarer Tatort an der Seite von Christian Ulmen, spielte eine Ende 20 jährige, die Deutschland verlassen hatte und mit ihrem Typen nach England gegangen war. Der ist aber irgendwie nicht so prall und sie irgendwie auch nicht so glücklich. Wie der Zufall es so will, trifft sie zufällig auf einen 50-something jährigen Mann, der im Leben auch noch nicht so viel richtig gemacht hat und beruflich Leute findet, die gesucht werden. Nicht von liebenden Eltern, nicht von der Polizei, sondern von anderen Leuten… Achja. Wer bei dem Film an Comedy vom Feinsten denkt, denkt falsch. Der Film ist ruhig, langsam, nachdenklich. Es gibt zwar auch witzige Momente, aber alles im allem ist es eher ein bisschen düster.

Beide Charaktere sind irgendwie so ratlos. Der Regisseur Max Barron wollte auch genau das verarbeiten, sagt er später im Interview mit dem Zeit Magazin. Nach ein paar Fragen sind er und die männliche Hauptbesetzung (Rob Knighton) wieder von der Bühne und Nora Tschirner wird ungefähr eine Stunde lang alleine verhört. Es ist sehr interessant, was sie sagt, ehrlich, ich glaub, ich mag sie.

Und dann ist alles vorbei. „Vielen Dank fürs Kommen, schönen Abend noch.” Das Publikum klatscht, steht auf, setzt sich langsam in Bewegung.

Was mache ich hier eigentlich? – schießt mir dann wieder durch den Kopf. Nicht da, im Kino. Nicht hier, in Berlin. Sondern im Leben.

Ich gehe aus dem Kino und fühle mich allein gelassen. Von mir selbst. Ich könnte jetzt in irgendeine Bar gehen, mal wieder ein paar Bierchen mit ein paar Leutchen zischen, aber heute bleibe ich alkoholfrei, hatte ich mir vorgenommen (in Berlin ist das nicht so einfach…), und heute lasse ich die Gedanken mal wieder frei, die mich gerade so beschäftigen.

Ich kann immer so gut Ratschläge geben. Aber selber höre ich nicht auf sie.

Do whatever the fuck you want

steht auf einem Zettel in meiner Dusche.

FullSizeRender-2Tu nicht was Du liebst oder was Du kannst, sondern was Du willst.

Sollte doch immer meine Devise sein.
Rate ich allen.
Rate ich mir selbst.

Hab ich mir doch gesagt, könnte ich mit erhobenem Zeigefinger vor dem Spiegel auf mich einschimpfen bis ich nachgebe und heule. Aber so eine bin ich nicht, nicht zu anderen, nicht zu mir. Und so jemand wollte ich auch nicht sein.

Warum hab ich mich allein gelassen?
Warum lasse ich mich gerade alleine?

frage ich mich stattdessen nun. Und die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: Weil ich es so wollte. Weil es mal wieder Zeit ist, über ein paar Sachen nachzudenken.

Das kann man ganz häufig mit anderen zusammen. Aber manchmal dann doch auch alleine. Wenn man sich auch mal alleine lässt.

Ich denk mal drüber nach. Bis morgen.

*Geschrieben am 7.12.2015, Veröffentlicht am 8.12.2015

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s